Trick-Siebzehn an Bord (78)


Übergabe von "sensiblen Gütern" von Yacht zu Yacht 

erfolgreich ausprobiert von Giovanni Scarlata

Sicher hat jeder Segelanfänger zumindest schon mal ein Foto von einem Leinenschussgerät gesehen, mit dem früher eine Leinenverbindung zu einem anderen Schiff oder auch nach einer Strandung zum rettenden Ufer hergestellt wurde. Und kaum jemand hat so einen Schussapparat in der Segelpraxis je vermißt. Trotzdem bin ich mehrmals vor dem Problem gestanden, auf hoher See irgendeinen Gegenstand einer anderen Yacht zu übergeben. Was in der Praxis gar nicht so einfach ist. Denn die Dünung auf hoher See verhindert fast immer ein gemütliches Längseitsgehen, wie es vielleicht im geschützten Hafen ohne Probleme mit Fenderhilfe durchgeführt werden kann. Einmal war es eine Schusswaffe, die wir gesetzeskonform auf hoher See, also in internationalen Gewässern verkauft und mit Hilfe von Bootshaken und darangehängter Pütz einem anderen Yachty zukommen ließen, ein ander Mal wurde nach Verlassen eines Landes die Tefon-Sim-Karte mit Restguthaben einer anderen Yacht mit ähnlichen Hilfsmitteln zwischen stampfenden Yachten übergeben. Kurzum: Handreichungen zwischen zwei Yachten auf offener See sind bei weitem nicht so einfach, wie sich der Laie das vorstellt. Abgesehen erfordert es in der Praxis recht unbequeme und zeitaufwendige Segelmanöver, um zwei Hochseeyachten auf exakt gleiche Geschwindigkeit zu bringen, damit sie sich gefahrlos für den Gelcot bis auf wenige Meter nähern können. Dies gilt umsomehr, wenn die Yachten, wie nachfolgend beschrieben, nur mit einem Segler, also einhand, besetzt sind. 

Gio Scarlata, erfahrener Hochseesegler, damals noch am Anfang seiner Segellaufbahn hat zu diesem brennenden Problem zusammen mit einem Yachtkollegen auf einer anderen Yacht ein patente Lösung für solche und ähnliche Probleme gefunden. Auch wenn  es sich im vorliegenden Fall aus Laiensicht nur um einen läppischen Anlass handelt. Der erfahrene Langfahrtsegler ohne Kühlschrank an Bord und Riesenappetit auf ein kaltes Bier sieht das aber mit anderen Augen und erheblichem Durstgefühl. Gio schreibt:

"Im übrigen war das eine ganz besondere Herausforderung in meiner Segelkarriere. Fünfeinhalb Wochen ohne Motor, dümpeln durch den Indic!

Das Ganze passierte auf einem Törn von Seychellen nach Malediven, eigentlich. war Malaysia geplant. Wir wollten eben als Tandem (Terry mit seiner Drifter aus Beton und ich mit meiner Mescalito) fahren, was den Vorteil hatte, dass man mal ordentlich schlafen konnte. Zwei Tage nach Verlassen von Viktoria ging der Wind so dramatisch zurück, dass wir uns gezwungen sahen, unter Maschine zu fahren. Nach ca 48 Stunden bekam ich Probleme (Diesel im Ölkreislauf) und war nicht mehr in der Lage den Motor zu reparieren. Terry blieb natürlich immer in der Nähe. Wir mussten also nur segeln und das bei manchmal gar keinem Wind. So dauerte die Reise statt kalkulierten 11 Tagen immerhin fünfeinhalb Wochen.

Nun. Nach einer Woche hatte ich so einen riesigen Durst auf ein Bier, dass ich Terry per VHF fragte, ob er mir eine kalte Flasche Bier zukommen lassen möchte. Wir beratschlagten uns kurz und fanden dann die Lösung: Drifter (sein Boot) kommt so gut wie möglich längseits und wirft mir die Flasche rüber.
Die Flasche musste natürlich "gesichert" werden. Daher nahm er ein Handtuch und umwickelte sie damit. Um kein Flattern zu haben noch mit Klebeband gesichert. Drifter sollte also praktisch ein Manöver fahren (wie wenn man längsseits geht), allerdings im letzten Augenblick abdrehen und genau dann werfen. Dazu brachte ich mein Gross so in Stellung , dass das zerbrechliche Gut ohne groß erforderliche Zielgenauigkeit vom Dacron sanft aufgenommen werden konnte.

Also:

Phase 1 : Drifter kommt auf


Phase 2 : Drifter holt mich ein und geht in etwa 45 Grad auf Kollisonskurs


Phase 3 : Drifter dreht ab und Terry wirf in genau dem Moment Das "sensible Gut" in mein Großsegel.
Phase 4 : ich sehe a) zu mein Boot weg von Drifter zu halten und b) zum Gross zu flitzen um die Flasche zu bergen, damit sie nicht noch irgendwie ins Wasser fällt.
Phase 5 : Party mit Zigarette und einer Flasche (kaltem!) Bier von den Seychellen

Wir haben diese Manöver im Lauf der Zeit (wir hatten ja viel Zeit und wenig Wind) wiederholt. Nicht wegen dem Bier, aber ich hatte gelegentlich ein paar schöne Fische gefangen, die ich gar nicht allein essen konnte.
Ausserdem hatte ich warme Cola , er einen Kühlschrank ...
Später haben wir das Manöver verfeinert: Wir arbeiteten mit einem Ball, an dem ich eine Bergeschnur hatte. Auch diesen warf ich in sein Gross und so konnte er sich dann sein Päckchen holen. Es war jedesmal prickelnd und der Genuß groß.

Grüsse Gio"

Page by  Bobby Schenk,
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