Gemischte Stimmung auf der BOOT

Es war das gewohnte Bild auf der größten deutschen Bootsausstellung: An den Wochenenden der Auftrieb, unter der Woche zum Teil doch recht übersichtliche Gänge. Aber das ist ja heute normal. In wirtschaftlicher Hinsicht war von der vielzitierten Talsohle nicht mehr die Rede. Nicht, dass sie endlich durchschritten wäre, die Lage hat sich vielmehr stabilisiert - auf niedrigem Niveau, wenn man die Situation mit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrtausends vergleicht. Die damaligen Tage des Höhenfluges sind wohl für immer vorbei. Dem Besucher kann's recht sein, profitiert er doch von der Flaute hinsichtlich der Preise jedenfalls bei manchen Segeyachten. Rabatte sind gang und gäbe.

Trotzdem, die BOOT ist ein Muß für Kaufinteressenten im Yachtbereich. Und so sind die Besucherzahlen zumindest gegenüber dem Vorjahr nur ganz geringfügig zurückgegangen. Die Zubehörhändler waren nicht unzufrieden, braucht der Segler doch immer ein "wichtiges" Ausrüstungsdetail, und wenn man es auf der Messe gleich zum Messepreis mitnehmen kann, umso besser. 

Prototypen

Wie üblich gab es unter den schmucken Segelyachten ein paar "Weltneuheiten". Bei den größeren und hochpreisigen Yachten bedeutet dies aber auch, dass dem Verbraucher - nach Automobil-Maßstäben - meist Prototypen angeboten werden. Wer damit leben kann, dem soll es recht sein. Zwei Attraktionen waren bei den größeren Segelyachten ausgestellt. Die französische Werft AMEL bietet so ziemlich als Einzige immer noch Zweimaster (Ketschen) an, was vielleicht ein wenig ein Anachronismus ist, aber offensichtlich nach wie vor Liebhaber findet. Zumal gerade diese Werft einen sensationellen Ruf im "After-Sale-Service-Bereich" genießt. Fast jeder Amel-Eigner kann eine beispielhafte Story beisteuern, wie sich die Amel-Leute auch noch nach vielen Jahren, weit nach Ablauf der Garantiefrist, kümmern, wenn mal ein Ausrüstungsgegenstand sein langes und hartes Leben aufgegeben hat.

Kein Geheimnis: Ich halte Langkieler für die bessere Yacht beim Langfahrtsegeln. Nur leider gibt es kaum noch welche in Europa. Der Kunde bestimmt das so. Die niedrigere Geschwindigkeit, die Behäbigkeit bei Hafenmanövern und die Unwilligkeit beim Rückwärtsfahren wiegen anscheinend schwerer als der fehlende "Stauraum" für Diesel und Wasser und die weicheren Bewegungen. Nicht so in den USA, wo der Kunde konsequenterweise reine "Cruiser" mit ausgeprägter Bilge möchte. Umso mehr freute ich mich, in einer Ecker der Halle 16 einen ausgeprägten Langkieler mit geschütztem Ruder zu entdecken. Allerdings: 480 Tausend Euro für 46 Fuß ist schon ein Wort!

BAVARIA beeindruckt

Eine Yacht hat mich beeindruckt, nämlich die neue VISION 46 von Bavaria (siehe Fotos). Eine ganze Menge clever scheinender Details hat man in ihr verbaut. "Scheinend" deshalb, weil ich schon viele Male erlebt habe, wie sich etwas auf dem Trockenen und nicht in der Praxis bewährt hat, obwohl das Gadget zunächst bestechend wirkte. Also mal abwarten! Die Bauqualität machte einen guten Eindruck, das Zubehör auf und an der Yacht überzeugte, auch durch Vollständigkeit. Vor allem dann, wenn man Größe, Platzangebot und den Preis in der Gegend von 170 Tausend, berücksichtigt. Die Yacht in der Grundausstattung wird sogar unter 160 Tausend angeboten.

Das provoziert die Frage, ob die Preisgestaltung mancher Werft nicht allzu optimistisch ist. Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass das Zubehör  bei fast allen Yachten durchaus vergleichbar ist, ja nicht selten vom gleichen Hersteller stammt.  Eine erheblich kleinere Segelyacht war schlicht mit einer halben Million ausgezeichnet. Ob die edleren Holz- und sonstigen Hand-Arbeiten diesen Unterschied rechtfertigen, kann jeder (der soviel Geld hat) für sich entscheiden. Schließlich gibt es auch Uhren im fünf- oder gar sechstelligen Euro-Bereich und solche, wie meine, für 19 Euro 99, die wahrscheinlich, weil Quartz, genauer ist als die mit Brillianten besetzte schweizerische Automatik-Edeluhr.

Die Großen der Szene waren meist mit ganzen Flotten verteten, wie immer halt. Hallberg-Rassy wird von vielen als der Mercedes unter den Yachten angesehen, was auch darauf zurückzuführen ist, dass sein Name in den Gebrauchtboot-Börsen alle anderen Firmennamen überstrahlt.

Einige Aussteller machten kein Geheimnis daraus, dass namhafte Werften finanziell am Abgrund stehen. Klar, der Markt ist übersättigt, man sieht es an den Preisen für gebrauchte Schiffe und an den zahlreichen "Zu-Verkaufen"-Seiten in den einschlägigen Fachmagazinen oder im Internet. Dort stehen manche Yachten jahrelang mit deutlich sinkenden Preisverlaufskurven.

So war die Stimmung bei manchen Verkäufern auf den Ständen der BOOT mit hochpreisigen Angeboten - gelinde gesagt - gereizt. Als ich in einem Vortrag per Lautsprecher darauf hinwies, dass man sich heut auch den Kauf eines Gebrauchtbootes überlegen und generell die gewaltigen Preisunterschiede bei Yachten überdenken sollte (so meine persönliche Meinung), wurde ich mit lautstarken Beschwerden seitens einiger Boote-Aussteller konfrontiert, die in dem originellen Zornausbruch eines jungen Verkäufers, ich "sollte eingesperrt werden" gipfelte.

Als orginell, besser gesagt "irreführend" konnten manche Typenbezeichnungen der ausgestellten Yachten ausgemacht werden - aber das ist eine Unart, seit es Segelyachten gibt. Ich kann mich an eine Werft erinnern, die deren Typ vor vielen Jahren die Nachnummer "50" gegeben hat, wobei natürlich jedermann an eine 50-Fuß-Yacht dachte. In Wahrheit handelte es sich aber um die Segelfläche, was die Yacht in eine ganz andere Kategorie schrumpfen ließ. Daran mußte ich denken, als ich zwei Yachten sah, die die Typenbezeichung "Vierzig-und-noch-was" trugen, in Wirklichkeit aber nur 39-Fuß-Schiffe waren.  Der Unterschied in Euro liegt immerhin dick im vierstelligen Bereich.

Zubehör

Was Revolutionäres war erwartungsgemäß nicht zu sehen. Die Elektronik ist gefälliger, pflegeleichter und einbausicherer geworden. Und bunter. Die Schiffsinstrumente strahlen, jedenfalls in den Ausstellungshallen. Wie sich das Farbenspiel in der Praxis, also in der Sonne, macht, kann man sich schlecht ausmalen. Der Trend, die Navigation mittels Plotter in das Cockpit zu verlegen, setzt sich fort, gelegentlich wird man an einen Pilotensitz im Verkehrsflugzeug erinnert. Es scheint vergessen, dass man ebenso genau und sicher mit einem Hand-GPS für 200 Euro (oder IPhone) und Papierseekarte navigieren könnte. Wenn man es kann.

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