"Sakral“ nannte die YACHT die Aura, die die Räume ausstrahlten, in denen das vielleicht letzte Blauwasserseminar von Bobby Schenk stattfand. Allein diese ehrfürchtige Beschreibung gebietet es, zunächst den Gastgeber vorzustellen: den DHH, den Verein Deutscher Hochseesportverband Hansa.
Der DHH wirkt beim Blauwassersegeln oft im Stillen. Dabei leistet er genau das, wovon viele Segelvereine gern sprechen: echte, nachhaltige Jugendarbeit. Tatsache ist, dass beim DHH viele tausende – man darf von einer hohen fünfstelligen Zahl sprechen – Frauen, Männer, Jungen und Mädchen segeln gelernt haben. Und das Außergewöhnliche: Die meisten sind dem Segeln ein Leben lang treu geblieben.
Neben den zahlreichen kleinen Vereinen, die ebenfalls hochklassige Ausbildung betreiben, ist es bemerkenswert, dass der DHH sowohl ein weitläufiges Gelände in Glücksburg als auch ein heute unbezahlbares Grundstück am Chiemsee besitzt. Dort wird insbesondere die Jugend von Grund auf an die Auseinandersetzung mit Wind und Wasser auf kleinen Booten herangeführt. Optimisten, Jollen und Schulungsboote bilden die Basis – Seemannschaft beginnt hier ganz unten.
Wer hier seine ersten Sporen verdient, kann später durchaus auf einer DHH-Yacht eine Atlantiküberquerung erleben. Als mitgliederstarker Hochseesegelverein betreibt der DHH eine Ausbildung auf höchstem Niveau und unterhält eigene Hochseeyachten. Mit seinem geschützten Revier an der Flensburger Förde, den zahlreichen Ausbildungsbooten und den vielen ehrenamtlichen Segellehrern ist die Yachtschule Glücksburg der ideale Ort, um im Optimisten zu beginnen, sich über kleinere Jollen hochzuarbeiten und schließlich vielleicht einmal eine Atlantiküberquerung auf einer modernen Hochseeyacht unter der Führung eines erfahrenen Schiffsführers zu absolvieren.
Nicht zu vergessen: Die viel zitierte „gute Seemannschaft“ nahm hier ihren Ausgangspunkt – in der Yachtschule Glücksburg, einst unter der Leitung des legendären Rudolf Koppenhagen. Dass der renommierte DHH in diesem Jahr auf genau hundert Jahre Bestehen zurückblicken kann und alle Wirren dieser Zeit überstanden hat, spricht für sich. Rund 16.000 Mitglieder – eine fünfstellige Zahl, die von keinem anderen deutschen Hochseesegelverein auch nur annähernd erreicht wird.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wer von einer Weltumsegelung träumt und das Segeln wirklich „von Grund auf“ lernen will, dem bleibt nur eine Empfehlung: Nichts wie hin zum DHH – nach Glücksburg oder zum Harras am Chiemsee!
Beim letzten Blauwasserseminar von Bobby Schenk waren mehr als 150 weit angereiste Teilnehmer begeistert von dem, was sie an nur einem Wochenende erleben durften. Gemeint ist dabei nicht nur das fachliche Niveau, sondern auch der besondere Stil des DHH: die ausschließlich ehrenamtliche Besatzung, die Unterbringung direkt in der Yachtschule mit ihrer straffen Hausordnung – und nicht zuletzt die herausragende Küche.
Tatsächlich erhielten den größten Beifall und Standing Ovations nicht etwa nur prominente Weltumsegler oder Stars der Szene, sondern mindestens genauso der hervorragende Koch und sein Team – besonders für das opulente Buffet am Samstagabend.
Dann wurden die ganz Großen im Blauwassersegeln nochmals geehrt, und zwar mit der Kap Horn-Pin und dem Kap Horn Award.
Verleihung der Kap-Horn-Pin
Um die Leistung dieser Frauen und Männer richtig einschätzen zu können, muß man sich die Voraussetzungen für diese Auszeichnungen vor Augen führen:
Die Kap Horn Pin erwirbt nur jemand, der Kap Horn umrundet mit - das ist wichtig - eigener Yacht. Also derjenige, der es nicht nur bis zum stürmischen Feuerland weit im Süden des Globus schafft, sondern in einem Zug, also ohne Unterbrechung, das berühmt-berüchtigte Kap Horn bezwingt.
Auf Bobby Schenks Webseite findet sich die berühmte Seite „Who is Who im Weltumsegeln“. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts haben es dort immerhin 110 Yachten mit ihren Crews auf diese internationale Liste geschafft. Aber lediglich 4 davon erfüllen die Voraussetzungen für die Kap-Horn-Pin.
Als Erster wurde der Weltumsegler Professor Dr.Dr. Paretzke (links) für diese bemerkenswerte Leistung ausgezeichnet; er umrundete Kap Horn mit seinem über 16 Meter langen Katamaran Jonathan von Mar del Plata und Puerto Williams kommend.
Höhepunkt des Festabends: Verleihung des Kap-Horn-Awards
In kurzer Zeit hat dieser Preis auch international große Beachtung gefunden. Das liegt nicht zuletzt an der Persönlichkeit der ersten Preisträgerin Kirsten Neuschäfer, zugleich Referentin dieses Blauwasserseminars.
Die Anforderungen des Kap-Horn-Awards sind hoch. Ähnlich wie bei den legendären Kap-Horniers vergangener Zeiten müssen die Bewerber den Breitengrad von 54°30' Süd von Norden kommend erreichen, anschließend nonstop nach Süden segeln, Kap Horn ohne Unterbrechung querab halten und schließlich wieder nach Norden steuern, bis erneut der Breitengrad von 54°30' Süd erreicht ist. Eine Herausforderung von außergewöhnlicher Dimension – für den Skipper ebenso wie für die Yacht.
Von den mehr als 100 Crews auf der bereits erwähnten Ehrentafel „Who is Who im Weltumsegeln“ haben nur 2, in Worten: zwei Skipper die Kap-Horn-Herausforderung bestanden. Einer der beiden ist der ungekrönte König der deutschen Weltumsegler: Wilfried Erdmann..
Und dann ist da diese außergewöhnliche Seglerin: die eigens aus Südafrika angereiste deutsche Weltumseglerin Kirsten Neuschäfer. Mit dem Wort „unglaublich“ sollte man vorsichtig umgehen – doch wer ihre Leistung kennt, kommt kaum umhin, genau dieses Wort zu wählen. Kirsten Neuschäfer, meldete sich als Newcomerin im Regattasegeln zu dem wohl schwierigsten Rennen um die Welt an. Nonstop und allein musste der Globus umrundet werden – und das auf einem rund fünfzig Jahre alten Schiff. Doch damit nicht genug: GPS, Watermaker und moderne Elektronik waren verboten. Navigiert wurde wie einst – mit Sextant und Schlepplog.
Kurz gesagt: Kirsten Neuschäfer ging gemeinsam mit 30 weiteren Teilnehmern an den Start. Nur 15 Yachten und ihre jeweils einzige Skipperin oder ihr Skipper wagten es schließlich, das Rennen überhaupt aufzunehmen. Nachdem Kirsten mit ihrer betagten Yacht MINNEHAHA frühzeitig in aussichtsreicher Position war, mußte sie umkehren, um einen Konkurrenten aus seiner Rettungsinsel aufzunehmen – dessen Yacht war buchstäblich unter seinen Füßen gesunken –, erst dann konnte sie ihre Reise fortsetzen. Nach 235 Tagen erreichte sie als klare Erste das Ziel. Insgesamt hatten nur drei Yachten dieses mörderische Rennen erfolgreich beendet, als Dritter übrigens der Österreicher Michael Guggenberger von meinem Yacht Club Austria.
Kirsten Neuschäfer krönte sich mit dieser Leistung zur Königin der Meere – als Siegerin 28 Tage schneller als der zweite und auf dem obersten Podestplatz. Ganz nebenbei schrieb sie auch noch Geschichte: Sie war die erste Frau überhaupt, die jemals ein Rennen um die Welt gewonnen hat.
Um ihre Leistung richtig einzuordnen: Der Sieger des allerersten Golden Globe Race 1969, also der ersten non-stop-Weltumsegelung überhaupt, der später geadelte Robin Knox-Johnston, benötigte runde zweieinhalb Monate länger als Kerstin, und zwar unter den gleichen Bedingungen: altes Schiff, kein GPS u.s.w.
In seiner Laudatio auf diesen grandiosen Sieg verlieh Bobby Schenk Kirsten Neuschäfer den Titel:
„Größte Seglerin aller Zeiten.“
Doch nun war es an der Zeit, den Wanderpokal an den heutigen Preisträger weiterzureichen.
Norbert Sedlacek erhielt den Kap Horn Award für seine nonstop und single Weltumsegelung 2008 bei der zweiten Vendee Globe, bei der er Kap Horn von 54°30'S bis 54°30'S entsprechend den Regeln des Kap-Horn-Awards umrundete. Die Leistung von Sedlacek war großartig, denn er beendete die Vendee Globe auf dem elften Platz; das entspricht ungefähr der Leistung eines 2023 hierzulande hochgefeierten Seglers. Was aber Sedlaceks Leistung besonders hervorhebt, ist, dass er diese Non-Stop-Weltumsegelung bereits 17 lange Jahre vorher in 123 Tagen vollendet hat. Das war damals eine viel zu wenig gewürdigte, aber weltmeisterliche Leistung!
Sedlacek ist deshalb ein hochverdienter Preisträger des Kap-Horn-Awards.
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